April


Das erste Quartal ist vorüber und der April hat begonnen. Die neue Krankschreibung geht bis zum Dreißigsten und meine Rheumamedikamente habe ich auch erhalten. Sie reichen bis zur letzten Woche dieses Quartals. Wenn in der Reha die Klinik die Medikamente stellt, komme ich mit meinen sogar länger hin.

Ich kenne es nur so, dass bei Klinikaufenthalten und Reha immer die Klinik die Medikamente stellt, Nahrungsergänzungsmittel ausgenommen. Die Klinik im Taunus aber schreibt Widersprüchliches. Einmal soll man alle Medikamente mitbringen, die man für den Aufenthalt benötigt, dann heißt es in der Rehabroschüre der Rentenversicherung und an irgendeiner Stelle der Internet-Präsenz der Klinik, dass man nur für die ersten Tage Medikamente mitbringen soll. Die Fertigspritzen des Biologikums muss man im Kühlschrank aufbewahren. Bei Zimmertemperatur – auf keinen Fall mehr als fünfundzwanzig Grad – sind sie nur vier Wochen verwendbar, danach müssen sie entsorgt werden (aber nicht im Hausmüll, man soll den Arzt oder Apotheker fragen). Wie viel soll ich denn zur Reha mitnehmen? Ich rief die Klinik an. Sie hätten auch Kühlschränke im Schwesternzimmer hieß es. Das ist keine Lösung für das Problem. Zwei Stunden Autofahrt kann man mit Kühltaschen und Kühlakkus überbrücken. Und nehme ich nur drei mit, weil drei Wochen Reha geplant sind, sitze ich bei einer Verlängerung dann auf dem Trockenen? Eine vernünftige und verbindliche Antwort konnte ich nicht bekommen. Seltsam, wenn die Klinik auf rheumatische Erkrankungen ausgerichtet ist, haben sie doch öfter mit solchen Anfragen zu tun, denke ich, und müssen Antworten parat haben. Das ist anscheinend zu viel verlangt. Immerhin kosten vier Spritzen, ich brauche eine pro Woche, 1.800 Euro! Ich werde nun nur für drei Wochen planen und meine Beste, die die Schlüssel hat, meine Blumen gießt und die Post durchsieht, instruieren, dass sie im Ernstfall Nachschub liefert oder schickt. Vorher versuche ich aber, dass die Klinik die Spritzen heranschafft.

Der April macht mich melancholisch. Mein Geburtstag rückt näher, die Zahl deprimiert mich nicht. Ich will ja alt werden (Dummerweise altern meine Knochen schneller als Hirn und der Rest des Körpers. Man muss bei Wünschen ans Universum höllisch aufpassen und präzise formulieren, sonst geht’s schief. ;-)). Doch es ist schade, dass ich nicht feiern kann. Zeitlich wäre es kein Problem, die Reha beginnt am Monatsletzten, aber ich packe es nicht, eine Feier vorzubereiten. Das übersteigt schlicht meine Kräfte. Einen Geburtstag kann man nachfeiern, so tragisch ist das nicht.

Im April habe ich in den letzten Jahren immer zwei Wochen freigenommen, immer um meinen Geburtstag herum. Vor vier Jahren habe ich eine Woche Malferien in Nordfriesland gemacht und sechs Bilder in der Nass-in-nass-Technik gemalt. Vielleicht kennen die Nachteulen unter Euch Bob Ross? ARD-alpha sendet seine Malsendung The Joy of Painting nachts. Dem Mann zuzusehen, hat etwas Beruhigendes. Wer die Sendung nicht kennt und nachts nicht schlafen kann, dem empfehle ich, sich die halbe Stunde zu gönnen. Die sechs Bilder, die ich in diesem Malkurs gemalt habe, hängen in meinem Wohnzimmer. Ich würde gerne wieder malen …

In dieser Zeit fiel die Entscheidung, mich intensiver mit einer bariatrischen OP zu befassen. Mit Weight Watchers kam ich nicht mehr zurecht, ich nahm nicht weiter ab und drohte dem Frustessen zu verfallen. Während des Malkurses, täglich von neun bis fünfzehn Uhr dreißig mit Mittagessen in der behaglichen Küche des Mallehrers, spürte ich mein massives Übergewicht. Wir malten stehend. Zuhause habe ich eine Tischstaffelei, da halte ich viel länger durch. Sechs Stunden stehen und zunächst die Leinwand vorbereiten, das ist sehr kräftezehrend. Die Bildmitte der zu bemalenden Leinwand befand sich in Augenhöhe. Die Hälfte des Bildes musste ich also über Kopf bemalen. Ich bin Rechtshänderin, in der Woche malte ich aber auch mal mit links…, äh, mit der linken Hand, um die rechte zu entlasten. Ich erinnere mich, dass mir am Ende des ersten Tages die Füße so sehr wehtaten, dass ich die geplante touristische Erkundung verschob und mich im Hotel ins Bett legte. Am zweiten Tag brannten die Füße nicht weniger, aber ich gewöhnte mich allmählich daran. Allerdings überholten mich beim Stadtbummel ältere Herrschaften! Ich blieb vor Schaufenstern stehen, die mich überhaupt nicht interessierten, aber ich konnte nicht mehr weitergehen. Ich brauchte ein Pause. Damals musste ich noch darauf achten, ob ich in die Stühle der Außengastronomie passe. Es war also gar nicht so einfach, sich einfach mal auszuruhen.

Im April vor drei Jahren war ich am Ende des Multimodalen Konzepts (MMK) angelangt, hatte die Gutachter (Chirurgen der Klinik, Ernährungsberaterin, Psychologin/Psychiaterin und Endokrinologe) auf meiner Seite, den OP-Antrag bei der Krankenkasse eingereicht und wartete nun auf eine Reaktion. Ach ja, beim Sozialmedizinischen Dienst (SMD) der Krankenkasse war ich da auch schon gewesen. Auch die Gutachterin des SMD befürwortete die OP. Im April 2016 machte ich nur Tagesausflüge, ich wollte die Antwort der Krankenkasse nicht verpassen. Wäre ich tagelang weggewesen, hätte ich mich nicht erholen können. Die Kostenzusage erreichte mich an meinem letzten Urlaubstag.

Vor zwei Jahren war ich um diese Zeit vollauf beschäftigt. Die OP lag zehn Monate zurück, ich hatte schon einiges abgenommen und steckte voller Energie: Ich baute den Renovierungsstau in meinem Zuhause ab und weißte die komplette Wohnung – auch die Zimmerdecken. An den Wölkchen an der Wohnzimmerdecke erfreue ich mich noch heute. Sie auf dem Sofa liegend zu betrachten hat etwas Meditatives. Die Woche danach erholte ich mich und fuhr in die Lüneburger Heide. Dort wanderte ich stundenlang oder bummelte durch die Heidestädte und Hamburg. Die Stühle der Außengastronomie spielten keine Rolle mehr und vor Schaufenstern blieb ich nur stehen, wenn mich deren Inhalt interessierte oder um einen Schluck Wasser zu trinken.

Letztes Jahr nahm ich drei Wochen im April frei, Urlaub und Überstundenabbau. Die erste Woche nahm ich an einem Intensivkurs der Volkshochschule teil – Französisch für Anfänger. Ich will ja darauf vorbereitet sein, wenn die beste Freundin der Welt und aller Zeiten mit ihrer Tochter und mir nach Paris reist, um mein zweistelliges Gewicht zu feiern. Inzwischen hat mir das Rabenaas – die Krankheit, nicht meine Beste! – die Petersilie verhagelt; ich habe darüber das im Kurs Gelernte vergessen wie auch die Lehrbücher, die irgendwo in meiner Wohnung verstauben. Die zweite Woche des Aprilurlaubs reiste ich wieder in die Lüneburger Heide und bemerkte da die ersten gravierenden Probleme der Zwerchfellhernie, weil das Frühstück viel länger dauerte, ich viel weniger essen konnte und es nicht immer bei mir behielt. Aber ich konnte noch gut wandern und bummeln – dank Kortison. Die Urlaubsreise im September hingegen sagte ich ab, da machte mir das Rabenaas schon massivere Probleme. Die dritte Urlaubswoche im letzten April erholte ich mich daheim.

Dieses Jahr hatte ich noch keinen Urlaub, ich war ja auch noch nicht wieder arbeiten. Inzwischen habe ich sogar Anspruch auf fünf Tage Sonderurlaub, weil ich nun einen Schwerbehindertenausweis habe. Ich bin auf die Reha gespannt. Planen kann und werde ich erst einmal nichts.

Froh bin ich auch, dass ich offenbar nicht von heut auf morgen anreisen muss. So kann ich in Ruhe alles vorbereiten. Ich brauche die Zeit. Es geht mir zeitweise schlechter. Oft ist mir übel. Manchmal ist mir schwindlig, dass ich mich festhalten muss, wenn ich stehe oder gehe, sonst kippe ich um. Das können Nebenwirkungen sein, las ich in den Beipackzetteln. Die muss ich ab und zu lesen, wenn ein Medikament wechselt, weil die Kasse das alte nicht mehr bezahlt. Bei so vielen Medikamenten ist einiges zu beachten …

Ich wüsste zu gern, was ich nächstes Jahr im April mache. Dummerweise ist meine Kristallkugel immer noch in der Reparatur – Ersatzteilmangel.

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Über Paninero

Paninero, mitten im Leben, weiblich, adipös - im Juni 2016 hatte ich eine Magenverkleinerung, nahm über 50 Kilo ab und habe wieder mehr Freude am Leben. Seit 2017 habe ich eine neue Herausforderung: Rheumatoide Arthritis (RA). Aber ich lasse mich nicht unterkriegen.
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5 Antworten zu April

  1. einfachtilda schreibt:

    Meine Tabletten habe ich mitgenommen, aber nur für eine Woche und nach spätestens 3 Tagen bekam ich alle Medikamente in der Reha. Meine eigenen habe ich dann weggeschlossen.
    Du musst ja auch alle Medikamente schriftlich angeben, doch das klappt nicht auf Anhieb mit der Medikamentenversorgung. Mach dir also keine Sorgen !!!

    Gefällt 1 Person

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