Blumen, Angst und Reha


Als gestern Abend plötzlich ein junger Mann bei mir klingelte und sagte, er hätte Blumen abzugeben, fragte ich irritiert: „Für Paninero?“

„Jaaa“, erwiderte er etwas gedehnt, nun ebenfalls irritiert.

Ich nahm den Blumenstrauß zögernd an, nachdem ich meinen Wilhelm auf den Abliefer-nachweis gekringelt hatte.

Wer schickt mir Blumen?

Ich eilte, so schnell mein Rheuma es zuließ, in die Küche. Die Blumen drohten herunter-zufallen, denn die Kräfte verließen mich. Dort nestelte ich die Karte aus der Folie und las: „Gute Besserung wünscht Dir Dein Team“

Die Karte fiel mir aus der Hand und ich musste mich erstmal setzen. Meine Kollegen hatten für mich gesammelt!

Meine Firma versucht seit einigen Jahren, langjährig Beschäftigte mit einer Abfindung aus der Firma zu drängen, um billigere Nachwuchskräfte anzuheuern oder aber gleich ratio-nalisieren zu können, dass also die verbliebenen Kollegen die Arbeit des Ausgeschiedenen mit übernehmen. Hinzu kommen Kollegen, die die Altersrente oder den freigestellten Teil der Altersteilzeit erreicht haben und ebenfalls die Firma verlassen. Einige Kollegen haben innerhalb des Konzerns einen neuen Job übernommen und die Abteilung gewechselt. So haben wir in den letzten fünf, sechs Jahren bestimmt zwanzig, fünfundzwanzig Kollegen verabschiedet und für sie gesammelt. Wenn man Hochzeiten und Elternschaften mit einbezieht, kann man bei uns jeden Monat fünf bis zehn Euro für solche Sammlungen loswerden. Manche Kollegen, denen wir ein Geschenk zum Abschied oder zur Geburt ihres Kindes machten, bedankten sich noch nicht mal, von Ausstand ganz zu schweigen. Wenn also ein Kollege mit Karte, Stift und einer klimpernden Zigarrenkiste an den Schreibtisch kommt, ist er in letzter Zeit fast so beliebt wie Urlaubssperre.

Nun hatten meine Kollegen und Chefs für mich gesammelt und Blumen schicken lassen. Wahnsinn. Anscheinend bin ich beliebt und man vermisst mich. Dass mich dieser Gedan-ke überrascht, wundert mich nicht. Gedanken über meine Beliebtheit habe ich viele Jahre nicht zugelassen. Ehrlich gesagt denke ich nicht gern darüber nach. Das ist tief in meiner Kindheit verwurzelt. Vielleicht schreibe ich dazu mal einen Text.

Der Strauß sieht auf dem Foto viel kleiner aus, als er tatsächlich ist. Ich musste ihn mit beiden Händen tragen, was nicht nur am Rheuma lag. Es sind auch noch meine Lieblings-blumen in meinen Lieblingsfarben, das konnten meine Kollegen jedoch nicht wissen: Rosen, Tulpen und Ranunkeln in rot, orange und gelb mit saftigem Blattwerk und etwas, das ich gestern noch für Schleierkraut hielt, aber es ist gelb. Mit Müh und Not fand ich eine passende Vase für den großen Strauß und machte rasch ein Foto, um es mit ein paar Worten des Dankes an meinen Chef und die Kollegen zu schicken, von denen ich eine Mobilfunk-Rufnummer hatte. Es kamen viele fett grinsende Smileys zurück und einige wollten auch wissen, wie es mir geht. Manch einer hatte sich nicht getraut, sich selbst zu melden. Das kann ich verstehen, denn in den letzten Jahren mussten einige Kollegen schwere Krankheiten überstehen. Nicht alle schafften es, andere kämpfen noch. Von Aneurysma über Herzinfarkt bis Karzinom war alles dabei. Wir sind eben ein Querschnitt durch die Gesellschaft.

An all dies denkend und gerührt ob der lieben Geste meiner Kollegen habe ich gestern ein paar Tränchen verdrückt. Einige Kollegen und Vorgesetzte vermisse ich. Auch mein Job fehlt mir. In den letzten Wochen, als eine Besserung sich partout nicht einstellen wollte, und fernsehen mich nicht genug ablenken konnte (lesen konnte ich nicht lange, weil ich kein Buch halten konnte und mein Hirn nicht aufnahm, was die Augen sahen), hatte ich wieder begonnen, Rätsel zu lösen. Sudoku frustrierten mich rasch, weil ich hier ganz schnell merkte, wie die Medikamente sich aufs Hirn legten. Auch Kreuzwort- oder Schwe-denrätsel, die ich doch immer bis auf höchstens ein, zwei Wörter, aber meist vollständig lösen konnte, machten keinen Spaß mehr. Entweder starrte ich stundenlang auf die leeren Kästchen, weil ich mich nicht konzentrieren konnte, oder ich hätte „Dings“, „Dingsbums“ oder „nawiehießdasnochmal“ reinschreiben müssen, weil mir das Wort auf der Zunge lag, aber ums Verrecken nicht über die Lippen kam.

Deshalb habe ich auch Angst davor, wieder ins Büro „zu müssen“. Mit meinem gegen-wärtigen Geisteszustand kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Auch bin ich meilenweit von meiner gewohnten Tippgeschwindigkeit entfernt. Nicht nur, dass ich nicht mal halb so schnell tippe wie noch im letzten Frühjahr – da zeigten sich schon erste Auf-fälligkeiten durch fehlende oder dreifach, vierfach getippte Buchstaben, verfehlte Tasten und eine längere Korrekturzeit. Ich kann zum Teil nicht mal mehr entziffern, was ich da getippt habe, weil sich mehrere Fehler in einem Wort vereinigen und so völlig den Sinn entstellen. Ganz schlimm ist das ja bei WhatsApp. Diese blöde Autokorrektur verändert ja völlig den Text und sorgt im besten Fall für Erheiterung oder Nachfragen. Der grün speiende Smiley und der grimmige rote sind meist meine Antwort.

Ich denke nicht, dass ich in drei oder vier Wochen eine Wiedereingliederung versuche. So hatte ich es geplant, als ich im Dezember aus dem Krankenhaus kam und die Ärzte meinten, drei Monate könne es schon dauern, bis das Medikament komplett wirkt.

(Neue Angst: Es sind nur noch drei Wochen bis die drei Monate vorüber sind und ich merke nichts, gar nichts!)

Mein Körper will einfach nicht. Stellt sich irgendwo eine leichte Besserung ein, kommt am nächsten Tag entweder ein heftiger Rückfall oder eine andere Stelle, die bisher schmerzfrei war, tut plötzlich weh und versagt den Dienst. Es ist zum Mäusemelken! Ich muss Geduld haben.

Und da ist die Angst, ob andere mir diese Zeit geben. Wenn es nach meinen Vorgesetzten und Kollegen ginge, müsste ich mir vermutlich keine Gedanken machen. Aber sie sind nicht diejenigen, die darüber entscheiden, wer der neuen Umorganisation zum Opfer fällt und „eingespart“ wird.

Im Herbst habe ich über einen Sozialverband den Schwerbehindertenausweis beantragt. Immerhin brauche ich seit über einem halben Jahr eine Unterarmgehstütze. Meine Toilette ist seit dem Sommer ein Thron; ich habe eine WC-Sitzerhöhung montieren lassen, weil der normale Sitz zu tief war und ich nicht aufstehen konnte. Dicke Kissen polstern nicht etwa meinen Steiß – sie erhöhen Stühle und Sessel, weil die übliche Sitzposition zu tief ist. Von den weiteren massiven Problemen im Alltag, die morgens schon beim Zähne-putzen und Anziehen beginnen, will ich gar nicht reden. Vom Amt habe ich noch nichts ge-hört. Der Sozialverband stellt jetzt auf meine Bitte eine Anfrage. Die muss das Amt beant-worten, sagte man mir. Aber aus der Wartezeit von vier Monaten, wie es noch im Septem-ber hieß, sind inzwischen sechs, sieben Monate geworden. Vor April, Mail werde ich kaum eine Entscheidung des Versorgungsamts erhalten. Wieder muss ich mich gedulden.

Wegen der Reha habe ich viel im Netz recherchiert. Bad Pyrmont ist derzeit meine erste Wahl. Sowohl der Netzauftritt, die Lage des Ortes und der Klinik im Ort als auch Qualifi-kation der Ärzte bezüglich Nebenerkrankungen und die Bewertungen von Patienten spre-chen für Bad Pyrmont in Nordrhein-Westfalen.

Ich habe auch nach Rehakliniken geschaut, die meine Krankenkasse betreibt. Ich habe die leise Ahnung, dass man mich dahin schicken will. Zum Glück gibt es nur eine, die auf rheumatische Erkrankungen ausgelegt ist und die liegt tief im Süden, schon fast in der Schweiz (also da, wo man eine Halskrankheit als Sprache hat). Klar, die Ecke würde mich auch total reizen. So ein bisschen touristische Erkundung als Freizeitprogramm schätze ich sehr. Aber es ist mir angesichts meiner gesundheitlichen Probleme viel zu weit. Wer weiß, ob ich überhaupt die Umgebung besichtigen kann – je nachdem, wie man mich in der Reha beansprucht.

Ihr seht, es geht gesundheitlich nicht recht voran; ich habe zu tun, dass meine Ängste nicht überhand nehmen, aber ich kann mich noch freuen. In eine echte, tiefe Depression bin ich bisher noch nicht wieder gestürzt, glaub ich. Vielleicht liegt das auch an der kleinen rosafarbenen Pille, die ich seit September nehmen muss – wenigstens ein Medikament, das wirkt.

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Über Paninero

Paninero, mitten im Leben, weiblich, adipös - im Juni 2016 hatte ich eine Schlauchmagen-OP. Seitdem nehme ich ab und habe wieder mehr Freude am Leben.
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8 Antworten zu Blumen, Angst und Reha

  1. Ich schreibt:

    Hey du, das hört sich wirklich sehr schlimm an alles und ich weiß gar nicht, ob du einen Kommentar vor irgendeiner Irren Person aus dem Internet gebrauchen kannst. Ich trau mich nicht wirklich diesen Eintrag zu liken, weil sich das alles sehr schlimm anfühlen muss. Ich will dir aber sagen, dass ich mir sehr für dich wünsche (auch wenn ich dich nicht kenne) dass alles wieder besser wird und gut wird. Dass du diese Zeit überstehen wirst und kannst.
    Alles Liebe und Gute und viel Kraft und Erfolg für die Reha und deine Genesung.

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  2. Myriade schreibt:

    Manche Medikamente brauchen eben recht lange um eine Wirkung zu zeigen. Vielleicht kommt die Wirkung plötzlich oder es wird unbemerkt immer ein bisschen besser ….

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  3. LadyAngeli schreibt:

    Auweia, das klingt übel. Ich wünsche Dir von Herzen gute Besserung!

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  4. kmmehrer schreibt:

    Liebe Paninero, auch ich wünsche Dir von Herzen gute Besserung! Nur nicht den Mut verlieren! Deine Art zu schreiben mag ich sehr…ganz liebe Grüße!

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