Kinn hoch! Beide!


Seit Februar entwickelt sich einiges nicht so wie es sollte. Mir wird alles zu viel, ich fühl mich schlapp und möchte nur noch schlafen. Das Schlafen ist nicht so toll. Seit ich im Januar den Magenschutz abgesetzt habe, wird mein Sodbrennen immer übler. Bei Heilerde würgte erst ich, dann wirkte die Heilerde, aber nicht lange. Jetzt hilft mir gar nichts mehr. Selbst Gaviscon oder verschreibungs-pflichtige Medikamente helfen nicht.

Die Ärzte im Adipositaszentrum nahmen mich im April unter die Lupe. Die Blutwerte sind soweit in Ordnung. Ich sollte zwar Vitamin B12 spritzen, aber die Werte waren so gut, dass die Fall-Managerin es nicht als notwendig ansah. Schaden würde es aber nicht, vor allem, weil es schnell umschwenken kann und so oft wird der Wert nicht kontrolliert. Ein Mangel kann aber langfristig richtig problematisch sein und die Folgen sind nicht umkehrbar. Veganer sollten diesen Wert regelmäßig kontrollieren lassen, um Spätfolgen zu vermeiden.

Vor zwei Wochen wurde eine Magenspiegelung durchgeführt. Meine Probleme weiteten sich aus. Immer öfter hatte ich mit Erbrechen zu tun, manchmal bereits nach zwei Bissen. Und der Speisebrei war gründlich zerkleinert. Schnelles Herunterschlingen verursacht auch solche Probleme, doch dann begegnet einem das Essen in gröberer Form erneut. Ernährungsfehler konnte ich so nicht feststellen und die Ergebnisse der Gastroskopie versetzten mich in Schrecken.

Die Speiseröhre ist stark entzündet. Diese Entzündung kann zu entarteten Zellen führen. Die Probleme könnten also viel größer werden, Lebensqualität deutlich herabsetzen oder zu noch Schlimmeren führen. Das war mir bereits bekannt.

Ich musste zum Schluckröntgen. Man sitzt auf einem Hocker vor dem Gerät und muss  eine Kontrastflüssigkeit schlucken. Das Gerät nimmt ein Bild von Speiseröhre und Magen von vorn und eins von der Seite.

Als ich das Röntgenvideo sah, wurde ich blass: von der dunklen Kontrastflüssigkeit kam nur ein Rinnsal im Magen an. Der Rest staute sich in einem „Reservoir“, das wie eine Kaffeefiltertüte aussah, oberhalb des Magens. Es sah riesig aus. Meine Speiseröhre hat eine Aussackung entwickelt, in der sich alles sammelt, was oben reinkommt. Ein kleiner Teil des Essens und Trinkens gelangt in den Magen, der steht unter Druck und presst es wieder  nach oben. So gelangt auch Magensäure in die Speiseröhre. Die versucht, alles wieder in den Magen zu pressen. Es sah aus wie eine Wasserwaage, die man mal links hebt und rechts senkt und umgekehrt.  Was in der Wasserwaage die Luftblase ist, ist bei meinem Magen der Speisebrei. Einen Zwerchfellbruch stellte man dabei auch noch fest. Ein Teil des Magens sitzt oberhalb des Zwerchfells.

So war es kein Wunder, dass ich im Urlaub eine Dreiviertelstunde zum Essen eines Brötchenviertels brauchte und mich danach wie eine Stopfgans fühlte. Es blieb ja alles quasi im Schlund sitzen!

Und was nun?

„Wir legen einen Magen-Bypass“, meinten die Ärzte.

Nein, bloß das nicht! Diese OP der Adipositaschirurgie ist zum Beispiel nichts für Berufskraftfahrer. Hier hat man größere Einschränkungen. Es kann zum Beispiel zu Dumping-Syndro-men kommen. Weitere Nachteile, auch was das Essen angeht, will ich nicht aufzählen (außer es interessiert sich einer dafür und fragt nach), bis auf einen: der Mageneingang wird ver-schlossen (die Speiseröhre wird mit dem Dünndarm verbun-den). Das heißt, dass keine Magenspiegelung mehr möglich ist. Ein Magenkarzinom würde somit recht spät erkannt.

Die Ärzte sahen meine Panik und setzten eine zweite Magenspiegelung an, die aufge-zeichnet und bei der meine mich damals operierende Ärztin anwesend sein sollte – Termin 18. Mai. Ich sollte zwei Tage vorher zur Voruntersuchung (Aufklärung und Blutabnahme) kurz in die Ambulanz kommen.

Das bedeutete einige Tage Ungewissheit, Bangen, Hoffe – Hoffen auf ein Wunder. Wenige Tage später spielten meine Hände komplett verrückt. Seit Februar hatte ich bemerkt, dass meine Zeige- und Mittelfinger dicker wurden. Wurstfinger hatte ich schon immer als stark Übergewichtige, doch mit der Abnahme wurden sie dünner. Plötzlich schwollen die unteren Fingerglieder an und taten auch mal weh. Ich ignorierte es, auch, als die  mittleren Glieder der vier Finger anschwollen. Als ich dann aber keinen Kaffeebecher mehr halten konnte, weil der Schmerz zu groß war, wurde ich nervös. Über Nacht schwollen die Zeige- und Mittelfinger zu Bockwürsten an, schmerzten höllisch, auch bei leichter Berührung und ließen sich nicht mehr beugen. In der linken Hand konnte ich den Ring- und kleinen Finger nur mit Hilfe der anderen Hand beugen und die Finger schnippten mit einem Ruck von selbst wieder in die Streckung. Ab zum Hausarzt bezie-hungsweise der Vertretungsärztin in seiner Praxis. Sie verschrieb Kortison und mich für eine Woche krank.

Das Kortison half, versaute mir aber die Magenspiegelung. Bei der Aufklärung gab ich alle Medikamente an.  Zack, Kortison setzt die Immunabwehr herab. Bei der Gastroskopie kann es zu Verletzungen kommen und dann käme es zu Problemen, über die ich lieber nicht nachdenken will. Vierzehn Tage muss ich kortisonfrei sein, dann beguckt man sich den Magen von innen, nicht früher.

Mir war zum Heulen. Meine Probleme werden nämlich immer größer. Nicht einmal Kar-toffelbrei kann ich essen. Suppen und Nudeln gehen, heute morgen sogar ein Butterbrot mit Gurke, aber sonst nichts. Entweder kommt es sofort wieder raus oder ich habe stundenlang Sodbrennen und Magenschmerzen, die mich auch mal freiwillig erbrechen lassen.

Aber die Voruntersuchung brachte auch Hoffnung. Anscheinend hatten sich die Ärzte die Bilder vom Schluckröntgen noch einmal angesehen. Sie hatten eine Verengung der Speise-röhre festgestellt. Sie soll während der Gastroskopie mit einer Ballonsonde geweitet werden. Es kann sein, dass es wiederholt werden muss und dass es auch wieder auftritt. Gut, jetzt kenn ich die Symptome und werde dann schneller reagieren. Dann darf ich nur keinen Rheumaschub haben und Kortison nehmen. Die Blutabnahme bei der Vertre-tungssärztin bewies, dass ich Rheuma habe. Auch das noch. Nun ja, es gibt Schlimmeres.

Ich gehe wieder arbeiten, arbeite aber vermehrt von zuhause, weil ich da auch mal im Liegen arbeiten kann. Da ist es oft erträglicher als im Sitzen oder Stehen. Meine Chefin ist im Urlaub. Ich hoffe, dass sie mir das nächste Woche auch noch genehmigt. Sonst bleibt mir nur die Krankschreibung.

Sechsunddvierzig Kilo habe ich seit der OP abgenommen. Die Abnahme läuft gut. Kolle-gen und Freunde haben mich vorsichtig ge-fragt, ob ich meine Entscheidung bereue. Nein, es war richtig, sich für die Magenver-kleinerung zu entscheiden. Auch wenn man mir meine aktuellen Probleme vorausgesagt hätte, hätte meine Hoffnung auf mehr Lebensqualität durch die Abnahme die gleiche Entscheidung bedeutet. Das letzte Jahr hat mir so viel Energie, Lebensfreude und Positives gebracht, dass ich nichts zu bereuen habe. Meine Rückenschmerzen sind weg, die Arthrose muckt seltener und nicht so schlimm. Ich bin beweglicher, schneller und positiver geworden. Das war es wert!

Und sollte mir doch der Magen-Bypass bevorstehen, werde ich damit auch klarkommen, irgendwie. Andere haben das auch geschafft. Doch noch hoffe ich, dass die Ballonsonde die Lösung meiner Probleme ist. Am 1. Juni werde ich mehr wissen. Dann findet die Gastroskopie statt. Und meine Schlauchmagen-OP liegt dann exakt ein Jahr zurück. Es sollte mein zweiter Geburtstag werden.

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Über Paninero

Paninero, mitten im Leben, weiblich, adipös - im Juni 2016 hatte ich eine Schlauchmagen-OP. Seitdem nehme ich ab und habe wieder mehr Freude am Leben.
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8 Antworten zu Kinn hoch! Beide!

  1. LadyAngeli schreibt:

    Au weia, das klingt furchtbar. Aber wenn sie einen Magenbypass setzen, kann dann nicht Dein Magen direkt komplett mit entfernt werden? Er hat ja in dem Sinne dann keine Funktion mehr und es würde nach meinem Laienverständnis einen weiteren Risikofaktor ausschließen, oder?

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  2. Myriade schreibt:

    Alles, alles Gute !!

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  3. mad4cook schreibt:

    Ich drücke dir die Daumen, dass es mit der Ballsonde klappt und ein Magen-Bypass nicht nötig ist.
    Alles Gute für dich
    LG Diana

    Gefällt 1 Person

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