Nachdenken und der Alltag, nachdem einer fehlt

Vor zwei Wochen verstarb mein Kollege M. Ende der Woche wird seine Urne beigesetzt. Auf Wunsch der Familie wird kein Mitarbeiter unserer Firma daran teilnehmen. Wir haben für ein Blumen-gesteck gesammelt und ein Kondolenzbuch vor der Firmenkantine ausgelegt, in das sich viele Kollegen eingetragen haben.

Die vergangenen zwei Wochen waren selt-sam. In den ersten Tagen arbeiteten wir fast alle im Homeoffice. Es schien, als müsste jeder für sich selbst diesen Schock erst einmal sacken lassen. In kleinen Kreisen kamen wir dann ins Reden. Und jeder hat mehr oder weniger seltsame Ideen. Was, wenn man selbst bei der Arbeit aus den Latschen kippt? Das war keine Angst vor dem Sterben. Das war eher die Sorge, dass man hilflos im Krankenhaus liegt, während die Nächsten – Familie und Freunde – ahnungslos sind.

Ich musste immer wieder an die Mutter des verstorbenen Kollegen denken, die nun allein ist. Selbst Kollegen, die engeren Kontakt zu M. hatten, wussten nicht, wie man die Mutter erreichen konnte. Ich hatte immer wieder das Bild vor Augen, dass die Mutter an dem son-nigen Montagnachmittag in einem Straßencafé sitzt, den schönen Tag bei Kaffee und Kuchen genießt und dann beunruhigt immer wieder auf die Uhr sieht, weil sie vergeblich auf ihren Sohn wartet.

Wie die Mutter vom Zusammenbruch des Sohnes erfuhr, ist mir nicht bekannt. Ich möch-te es auch nicht wissen, obwohl oder weil ich die Frau nicht kenne? Keine Ahnung, aber es ging mir nahe.

Im Prinzip bin ich in einer ähnlichen Situation wie M. Ich bin alleinstehend, keiner meiner Kollegen kennt meine Familie oder weiß, wie man sie erreicht. In der Brieftasche habe einen Zettel mit den Kontaktdaten meiner besten Freundin. „Im Fall eines Unfalls bitte benachrichtigen:“ steht darüber. Im Büro liegt die Brieftasche in meiner Umhängetasche, die im abgeschlossenen Rollcontainer liegt, dessen Schlüssel in der rechten Hosen- oder Blazertasche steckt. Wenn im Falle eines Zusammenbruchs niemand mein Smartphone aus der linken Hosen- oder Blazertasche nimmt und in den Kontakten nach einer Telefon-nummer sucht, erführe meine Familie nicht so schnell, dass mir etwas zugestoßen ist. Meine beste Freundin würde wohl nach ein, zwei Tagen unruhig, wenn sie mich nicht erreicht und ich nicht auf SMS, WhatsApp, E-Mails oder Anrufversuche reagiere. Wenn sie aber gerade im Ausland urlaubt, könnte ich schon seit Tagen gekühlt in einer Edelstahl-schublade liegen, ehe ihr auffällt, dass ich mich nicht rühre – weil ich mich nicht mehr rühren kann. – Mein Humor kommt langsam zurück. – Ich sehe vielleicht zu viele Krimis, aber die Kühlung in pflegeleichtem Edelstahl ist wohl auch bei natürlichen Todesfällen üblich.

Ich habe für mich entschieden, im Sekretariat einen verschlossenen Briefumschlag zu hinterlegen, der Anweisungen und eine Telefonnummer enthält, wer kontaktiert werden soll, wenn mir während der Arbeitszeit etwas zustößt und ich mich nicht selbst kümmern kann. Das ist überschaubar, weil es die Daten meiner Besten sind.

Als ich mich letztes Jahr auf die OP vorbereitete, kümmerte ich mich auch um Vorsorge-vollmacht, Patientenverfügung und traf Maßnahmen für den Betreuungsfall. Dieser büro-kratische Akt fiel mir alles andere als leicht und es dauerte Wochen, bis ich mehr als nur die ersten fünf Zeilen der Vordrucke las. Ich wollte mich nicht damit befassen, aber erst recht nicht, dass meine Familie darüber entscheidet, die gar nicht weiß, was ich im Fall der Fälle wünsche.

Das Verfassen des „Drehbuchs“ meiner Trauerfeier fiel mir da deutlich leichter – vom Ort über die Art der Ruhestätte (ein Friedwald), über die Musikauswahl und die Garderobe der Trauergemeinde (Lieblingsklamotten in Farbe nach eigener Wahl, keine Trauerklei-dung) hatte ich alles vor Augen. Ich will, dass man danach gut isst und trinkt – auf meine Kosten – und sich amüsiert – auch gern auf meine Kosten. Schade, dass ich das verpasse … Und auch hier bin ich meiner Besten so dankbar, dass sie mir versprach, sich um alles zu kümmern. Das „Drehbuch“ liegt in meinem Notfallordner, meine Beste hat eine Kopie von jedem Dokument.

Doch nun zum Alltag. In der zweiten Woche nach M.s Tod kehrt er allmählich wieder ein. Wir erschrecken nicht mehr, wenn wir nach einer witzigen Bemerkung lachen. Wir arbeiten wieder zügiger, erlauben uns aber weiterhin, ab und zu innezuhalten. Wir erzählen uns Begebenheiten und Anekdoten von M. und lachen – auch über seine Eigen-heiten, die uns manchmal ärgerten. Letzte Woche noch hatten wir beim Gedanken daran ein schlechtes Gewissen.

Zurzeit ist es, als wäre M. nur im Urlaub oder zur Kur. Richtig vermissen werden wir ihn wohl erst in ein paar Wochen, wenn jeder Urlaub, jede Kur längst vorüber sein müsste.

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Bandnudeln mit Champignon-Käsesauce

Leckeres Pastagericht mit Pilzen, Schmelz- und Frischkäse und Thymian

Zutaten für 2 Portionen:

200 g Bandnudeln
250 g braune Champignons
1 Zwiebel
2 EL Butter
50 ml Gemüsebrühe
50 ml Weißwein
100 g Kräuterfrischkäse
2 EL Schmelzkäse
5 Zweige Thymian
Salz und Pfeffer

Zubereitung:

Die Zwiebel fein würfeln. Champignons mit einer Gemüsebürste oder einem Tuch abreiben und in feine Scheiben schneiden. Thymianblättchen von den Stängeln streifen.

Die Nudeln nach Packungsangabe bissfest garen.

Inzwischen die Butter in einer Pfanne zergehen lassen und die Zwiebelwürfel darin glasig dünsten. Die Pilze und Thymianblättchen hinzugeben und 2 Minuten dünsten lassen. Mit Pfeffer und Salz abschmecken, aber sparsam salzen, da der Schmelzkäse recht salzig ist. Weißwein angießen und eine Minute köcheln lassen.

Nun die Gemüsebrühe angießen, Herd abschalten. Den Schmelz- und den Frischkäse dazugeben, in der Resthitze schmelzen lassen und alles miteinander verrühren. Nochmals abschmecken und eventuell nachwürzen.

Pasta abgießen, auf Tellern anrichten und mit der Champignon-Käsesauce servieren.

Guten Appetit!

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Wolfsbarschfilet auf Kräuterkartoffelcreme mit gebratenem Spargel an Orangenkaramellsauce

Zweierlei Spargel mal anders mit feinem Fisch, Kartoffelpüree und fruchtiger Sauce

Zutaten für 2 Portionen

Kräuterkartoffelcreme:

500 g mehligkochende Kartoffeln
40 g Kräuterbutter
150-200 ml Milch
Salz
geriebene Muskatnuss

Wolfsbarschfilet:

2 Wolfsbarschfilets (Loup de Mer)
1 EL Rapsöl
etwas Mehl
Salz und Pfeffer

Spargel mit Orangenkaramellsauce:

4-8 grüne und weiße Spargelstangen
1 Stich Butter oder Butterschmalz
1-2 TL Zucker (ich nehme gern Rohrzucker)
2 cl Orangenlikör
eiskalte Butterflöckchen
Meersalz und Pfeffer aus der Mühle

Zubereitung Kräuterkartoffelcreme:

Kartoffeln schälen, waschen und vierteln. Mit kaltem Salzwasser in einem Topf mit Deckel aufsetzen. Sobald das Wasser sprudelnd kocht, auf Dreiviertelhitze zurückschalten und den Deckel locker aufsetzen, sodass der Dampf entweichen kann und nichts überkocht. Kartoffeln weich kochen. Dann das Kochwasser abgießen, die Kartoffeln sehr gut ausdämpfen lassen und sofort durch eine Kartoffelpresse in den noch heißen Topf drücken.

Während die Kartoffeln kochen, Milch aufkochen, ggf. Haut entfernen.

Kräuterbutter zu den durchgepressten Kartoffeln geben und etwas von der heißen Milch zugeben. Mit Salz und Muskat würzen und alles mit einem Kochlöffel gut verrühren (aufschlagen). Nach und nach weitere Milch zugeben, nie alles auf einmal. Immer erst Flüssigkeit nachgießen, wenn die andere völlig aufgenommen ist.

Zubereitung Wolfsbarschfilets:

Die Filets waschen und trocken tupfen, salzen und pfeffern. Die Filets auf der Hautseite mehlieren (mit der Hautseite in etwas Mehl drücken und danach abklopfen).

Öl in eine heiße Pfanne geben und die Fischfilets mit der Hautseite nach unten in der Pfanne anbraten. Frischer Fisch wölbt sich nach oben. Deshalb mit einem Pfannenwender die Filets sanft auf den Boden drücken.

Wenn der Fisch an den Rändern gegart und dort nicht mehr glasig ist, den Herd ausschalten. Die Filets wenden und in der Resthitze garziehen lassen.

Zubereitung Spargel mit Orangenkaramellsauce:

Den Spargel waschen, weißen komplett schälen. Beim grünen nur das untere Drittel schälen, Enden abschneiden.

Die Orange heiß waschen und abtrocknen. Zesten von der Schale abziehen, alternativ mit einer feinen Reibe die Schale abreiben, etwa einen gestrichenen TL voll. Dabei darauf achten, dass nichts Weißes mit abgerieben wird, das ist bitter. Die Orange auspressen.

In einer heißen Pfanne Butter oder Butterschmalz zerlassen, auf Dreiviertelhitze zurückschalten. Zuerst den weißen Spargel etwa 5 Minuten rundum anbraten, den grünen Spargel hinzugeben und etwa 3 Minuten mitbraten. Spargel herausnehmen und warmstellen.

Den Zucker zum Bratfett geben und unter Rühren karamellisieren. Orangenlikör, die Zesten bzw. den Orangenabrieb in die Pfanne geben und gut durchrühren. Den Orangensaft durch ein Sieb in die Pfanne gießen. Mit Pfeffer und Salz abschmecken. Alles  unter Rühren einmal kurz aufkochen lassen. Dann die Pfanne vom Feuer nehmen und die eiskalten Butterflöckchen einrühren.

Anrichten:

Die Kräuterkartoffelcreme auf die Mitte vorgewärmter Teller geben, Fischfilet mit der Hautseite nach oben darauf setzen. Den Spargel außen platzieren und mit Salz und Pfeffer aus der Mühle würzen. Zum Schluss die Orangenkaramellsauce über alles träufeln.

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Abschied

Gestern ist einer meiner Kollegen in seinem Büro zusammengebrochen. Eine Kollegin unternahm Wiederbelebungsversuche. Mei-ne Zimmerkollegin und ich erfuhren erst später davon. Notarzt und Rettungssani-täter mussten an unserer Bürotür vorbei und es soll sehr laut gewesen sein. Wir haben das nicht bemerkt, obwohl die Wände und Türen dünn und hellhörig sind und uns sonst oft das Rufen und Lachen auf dem Flur stört, wenn wir konzentriert arbeiten müssen. Wir waren erschüttert und nachdenklich.

Heute morgen erfuhren wir, dass unser Kollege verstorben ist. Er war Ende Fünfzig, alleinstehend. Gestern Nachmittag wollte er seine Mutter besuchen. Sie ist um die Neunzig, Witwe und verlor nun ihr einziges Kind.

Wir sind bestürzt und noch nachdenklicher. Das Alltägliche erscheint so nebensächlich und was uns oft ärgert, ist plötzlich so banal.

Passt gut auf Euch und Eure Nächsten auf – seien es die Liebsten, Freunde, Familie, Nachbarn oder Kollegen!

Lieber M., danke, dass ich Dich kennen lernen durfte! Unsere Gespräche habe ich sehr geschätzt und werde mich immer wieder gern an sie erinnern wie auch an Dich. Arrivederci.

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Kalbsmedaillon in Weißweinsauce mit Spargelragout und Kartoffelgratin

Ein Sonntagsessen mit Spargel, mal ohne Sauce Hollandaise und ohne Wiener Schnitzel

Zutaten für 2 Portionen

für das Kartoffelgratin:

400 g festkochende Kartoffeln
1 kl. Knoblauchzehe
125 ml Sahne
125 ml Milch
Salz, Pfeffer, geriebene Muskatnuss
Butter für die Form
Butterflöckchen

für die Kalbsmedaillons:

2 Kalbsmedaillons
1 Schalotte
2 Zweige Thymian
2 Zweige Rosmarin
Senf
4 Scheiben Frühlingsspeck (Bacon)
1 EL Schmalz
1/2 EL brauner Zucker
75 ml Kalbsfond
20 ml Weißwein
Salz, Pfeffer

für das Spargelragout:

100 g weißen Spargel
100 g grünen Spargel
1 EL Butter
etwas braunen Zucker (max. 1 gestrichener TL)
100 ml Sahne
1 Spritzer Zitronensaft
1 Schuss Weißwein
Salz, Pfeffer

Zubereitung Kartoffelgratin:

Backofen auf 180 Grad vorheizen. Die Gratinform mit Butter einfetten. Knoblauch schälen und fein würfeln, die Würfelchen in der Form verteilen.

Die Kartoffeln schälen und in feine Scheiben hobeln. Die Hälfte der Kartoffelscheiben in die Form schichten, salzen, mit Muskatnuss würzen. Die restlichen Kartoffelscheiben darauf schichten, salzen und mit Muskatnuss würzen.

Sahne und Milch mischen, mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss kräftig würzen. die Mischung über die Kartoffeln geben. Butterflöckchen auf dem Gratin verteilen und das Gratin etwa 40-45 Minuten backen.

Zubereitung Kalbsmedaillons:

Die Schalotte schälen und fein würfeln. Die Kräuter waschen und trocken schütteln.

Die Medaillons waschen und trocken tupfen. Die Medaillons auf die Schnittflächen legen und den Rand mit Senf bestreichen. Die Speckscheiben so schmal schneiden wie die Medaillons dick sind. An den Senfseiten um die Medaillons wickeln und mit Küchengarn verschnüren. Fleisch mit Salz und Pfeffer würzen.

In einer Pfanne die Hälfte des Schmalzes erhitzen. Die Medaillons hineingeben und 1-2 Minuten pro Seite auf der Schnittfläche anbraten. Je Medaillon ein Blatt Alufolie ausbreiten, ein Medaillon darauf setzen und je einen Zweig Thymian und Rosmarin kreuzweise auf das Fleisch legen, ggf. Zweige knicken, damit nichts herausragt. Alufolie mit dem Fleisch zu einem Päckchen verschließen.

Das Fleisch für die letzten 10-15 Minuten – je nach Dicke der Medaillons –  der Gratin-Garzeit neben dem Gratin auf den Rost in den Backofen (180 Grad) geben.

Das restliche Schmalz zum Bratensatz in die Pfanne geben und erhitzen, die Schalotten darin glasig dünsten. Temperatur herunterschalten und den Zucker unter Rühren hinzufügen, bis die Schalotten karamellisiert sind. Kalbsfond und Weißwein hinzufügen und unter Rühren reduzieren lassen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Zubereitung Spargelragout:

Das Gemüse waschen. Den weißen Spargel schälen, Enden abschneiden. Das untere Drittel des grünen Spargels schälen, Enden abschneiden. Beide Sorten schräg in dünne Scheiben schneiden.

Die Butter bei mittlerer Hitze zerlassen, weißen Spargel zugeben und etwa 3 Minuten dünsten. Nun den grünen Spargel hinzufügen und mitdünsten lassen. Mit Sahne ablöschen. Zitronensaft, Weißwein und Gewürze zugeben, etwa 4-5 Minuten reduzieren lassen.

Anrichten:

Die Medaillons und das Kartoffelgratin aus dem Backofen nehmen. Das Fleisch auspacken, Kräuterzweige und Küchengarn entfernen. Medaillons mit der Sauce, dem Kräutergratin und dem Spargelragout anrichten und sofort servieren.

Guten Appetit!

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Ein Jahr nach der Schlauchmagen-OP – eine Bilanz

Am 1. Juni jährte sich meine Schlauch-magen-OP. Auch wenn ich in den letzten Blog-Einträgen von einigen gesundheit-lichen Problemen schrieb, ändert dies nichts an einem positiven Fazit. Das letzte Jahr zählt zu den besten meines Lebens! Mit jedem verschwundenem Kilo stieg meine Lebensqualität, meine Lebensfreude, meine Bewegungsmöglichkeiten – ja, meine Schrittlänge und -Geschwindigkeit. Die OP verschaffte mir ein Erlebnis der besonderen Art: Abnehmen im Zeitraffer.

Essen bestimmt mein Leben in gewisser Weise noch immer. Jedoch sind es nicht Gedanken wie „Was esse ich jetzt noch / als nächstes?“, „Wann gibt’s wieder was?“, „Wieso hab ich schon wieder oder immer noch Hunger?“, die sich nicht verdrängen lassen. Diese Gedanken wurden ja schon im Multimodalen Konzept (MMK) zur Vorbereitung auf die OP seltener. Es sind eher organisatorische Fragen: „Wann frühstücke ich was?“, „Was esse ich heute Mittag im Büro – ein belegtes Brot und Gemüse oder Müsli?“, „Habe ich heute Termine, die eine Verschiebung meiner Mahlzeiten erforderlich machen?“, „Warum habe ich heute tagsüber zu wenig getrunken?“ (meist, weil Termine länger dauerten oder ich viel telefoniert habe).

Organisation ist das A und O. Ohne Speiseplan für die warme Mahlzeit am Abend und Einkaufsplanung würde mein neues Leben kläglich scheitern. Würde ich nicht täglich bei FDDB mein Ernährungstagebuch führen und somit die Nährstoff- und Vitaminzufuhr einigermaßen kontrollieren und beeinflussen, wäre auch meine Gewichtsabnahme in Gefahr. Das merkte ich einige Wochen nach der OP, als ich viel zu wenig Eiweiß zu mir nahm und die Abnahme fast völlig stillstand.

Inzwischen kann ich auch gut mit spontanen Änderungen umgehen, etwa einer kurzfristigen Einladung zum Abendessen. Habe ich tagsüber vorbildlich gegessen und getrunken, also ausgewogen Eiweiß, Kohlenhydrate und Fett verzehrt, ist es auch nicht schlimm, wenn die letzte Mahlzeit mal nicht so viel Eiweiß enthält. Ist der Tag in Sachen Ernährung nicht so gut gelaufen, wäre das zwar kein Weltuntergang, doch es würde meinen Kopf stärker beschäftigen und mir den Genuss verleiten. Vielleicht würde ich sogar die Einladung ausschlagen (wollen).

Wichtig ist bei Einladungen, auswärtigem Essen oder generell unterwegs, dass ich „mein“ Wasser mitnehme. Stilles Wasser ist die Empfehlung, die ich stets einhalte. Und es ist wichtig, dass es eine bestimmte Zusammensetzung hat: wenig Natrium (Kochsalz), viel Kalzium und Magnesium. Am besten schnitt da ein Wasser aus der Eifel ab. Mir schmeckt es besonders gut (Wasser ohne Gas kriegte ich vor gut einem Jahr gar nicht runter) und es ist bundesweit fast überall zu haben, auch in der Gastronomie. Trotzdem schleppe ich immer eine Anderthalbliterflasche mit mir herum, wenn ich unterwegs bin oder jemanden besuche.

Seit 1. Juni 2016 habe ich 48,1 kg abgenommen, das entspricht 65 % meines Über-gewichts vor OP,  und trage statt Kleidergröße 56/58 Kleidergröße 48/50. Mir passt wieder ein stahlblauer Hosenanzug, den ich bei der Hochzeit meiner besten Freundin getragen habe, der jahrelang im Schrank hing und nur auf diesen Moment wartete.

Kommentar meiner Besten, die beim Vorführen des neuen, alten Kleidungsstücks letzte Woche beinahe mehr strahlte als ich: „Da hast du mir etwas voraus. Die Klamotte, die ich da getragen habe, passt mir nicht mehr!“
(Anmerkung der Autorin: Es war ihre Hochzeit und sie trug ein märchen-haftes, elfenbeinfarbenes Brautkleid – völlig untypisch für meine Beste, aber sie sah zauberhaft aus.) Tröstend konnte ich bestenfalls einwenden, dass sie immer noch deutlich schlanker ist als ich und der Bräutigam, ein Spargeltarzan, in den letzten ein, zwei Jahren um die vordere Körpermitte etwas fülliger geworden ist (Paulanermuskel), sodass ihm sein Hochzeitsanzug wohl auch nicht mehr passen wird. Immerhin sind die beiden nach wie vor glücklich verheiratet – miteinander – und das seit inzwischen fünfzehn Jahren! Das schaffen immer weniger Paare …

Der Kleiderschrank muss dringend ausgemistet werden. Ich habe „schon“ einige Klamotten gekauft. „Schon“, weil ich hier aus der Art schlage – ich hasse shoppen und fast alle Frauen in meiner Situation hätten seit der OP schon mindestens dreimal neue Garderobe (also alles, von oben bis unten) gekauft. Ein paar Sachen von früher kann ich wieder tragen. Die Klamotten der letzten Jahre können eigentlich komplett in die Altkleidersammlung (Gehen Altkleider aus den Containern bzw. der Sammlung eigentlich an Bedürftige oder werden Lumpen daraus gemacht?) oder in den Second-Hand-Shop. Eigentlich – ein paar Lieblingsstücke muss ich rauspicken, die ich dann zuhause auftragen kann. Allerdings ist das Ausmisten mühsam und verursacht ein mulmiges Gefühl, das ich nicht recht deuten kann (Wehmut? Angst, dass ich die Sachen doch mal wieder brauchen könnte, weil das bisher immer so war?). Deshalb mache ich das jetzt am Wochenende für die Sommerklamotten und im Herbst für die Wintergarderobe. Das hat außerdem den Vorteil, dass der Kleiderschrank nicht auf einmal völlig leer ist.

Hin und wieder nervt mich eine Sache, doch auch daran gewöhne ich mich: Essen und Trinken müssen getrennt werden. Ich darf dreißig Minuten vor und nach dem Essen nicht trinken. Im Alltag klappt das nahezu problemlos. Wenn es bei Einladungen oder am Wochenende mal Kaffee und Kuchen gibt, muss ich höllisch aufpassen, das nicht zu ver-gessen. Oft wird dann der Kaffee in der Tasse kalt, weil Kaffee und Kuchen zusammen serviert wurden oder ich die Trennung vergessen hatte. Ich war eine Kuchentante und bin es irgendwie noch immer, aber in Maßen. Ich muss nicht in jeder Woche ein Stückchen Kuchen haben.

„In Maßen“ ist eine tolle Sache, die ich ohne OP leider kaum hingekriegt habe, weil mich immer Hunger quälte. Nun fällt es mir leicht, auch, weil ich viel intensiver als früher esse. Ich konzentriere mich aufs Essen, viel stärker als vor der OP. Das ist einerseits reine Disziplin, andererseits auch Ergebnis eines Lernprozesses. Ein Teelöffel voll ist der Unter-schied zwischen satt und überfressen. Überfressen zu sein ist kein angenehmes Gefühl mit einem normalen Magen. Bei einer Magenverkleinerung ist man bei überfressen stunden-lang zu keiner Regung fähig – wie der böse Wolf im Märchen, dessen Bauch mit Wackersteinen gefüllt ist.

Also: Die Magenverkleinerung war für mich die richtige Entscheidung, hatte ich doch jahrelang versucht, auf herkömmlichem Wege abzunehmen (Diäten, Ernährungsum-stellung, Bewegung), was anfangs immer gut klappte, bis mir irgendwann die Puste ausging oder mich etwas aus der Bahn warf. Für mich war die OP der richtige Weg und ich denke, dass sie mir auch ein paar Jahre mehr geschenkt hat. Die gesundheitlichen Probleme, die ich jetzt habe, könnten noch viel schlimmer sein.

Apropos gesundheitliche Probleme: Die Magenspiegelung fand am 1. Juni statt. Die Ober-ärztin war wohl dabei, was ich unter der Narkose nicht mitbekam. Allerdings habe ich sie noch nicht sprechen können und die Assistenzärztin erzählte mir wieder etwas anderes als ihre Kollegin beim vorigen Mal. Am Donnerstag muss ich noch einmal hin und habe da einigen Klärungsbedarf. Jetzt nehme ich erst einmal wieder den Magenschutz, damit die  entzündete Speiseröhre heilen kann. Eine Dauerlösung kann das aber nicht sein.

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Kinn hoch! Beide!

Seit Februar entwickelt sich einiges nicht so wie es sollte. Mir wird alles zu viel, ich fühl mich schlapp und möchte nur noch schlafen. Das Schlafen ist nicht so toll. Seit ich im Januar den Magenschutz abgesetzt habe, wird mein Sodbrennen immer übler. Bei Heilerde würgte erst ich, dann wirkte die Heilerde, aber nicht lange. Jetzt hilft mir gar nichts mehr. Selbst Gaviscon oder verschreibungs-pflichtige Medikamente helfen nicht.

Die Ärzte im Adipositaszentrum nahmen mich im April unter die Lupe. Die Blutwerte sind soweit in Ordnung. Ich sollte zwar Vitamin B12 spritzen, aber die Werte waren so gut, dass die Fall-Managerin es nicht als notwendig ansah. Schaden würde es aber nicht, vor allem, weil es schnell umschwenken kann und so oft wird der Wert nicht kontrolliert. Ein Mangel kann aber langfristig richtig problematisch sein und die Folgen sind nicht umkehrbar. Veganer sollten diesen Wert regelmäßig kontrollieren lassen, um Spätfolgen zu vermeiden.

Vor zwei Wochen wurde eine Magenspiegelung durchgeführt. Meine Probleme weiteten sich aus. Immer öfter hatte ich mit Erbrechen zu tun, manchmal bereits nach zwei Bissen. Und der Speisebrei war gründlich zerkleinert. Schnelles Herunterschlingen verursacht auch solche Probleme, doch dann begegnet einem das Essen in gröberer Form erneut. Ernährungsfehler konnte ich so nicht feststellen und die Ergebnisse der Gastroskopie versetzten mich in Schrecken.

Die Speiseröhre ist stark entzündet. Diese Entzündung kann zu entarteten Zellen führen. Die Probleme könnten also viel größer werden, Lebensqualität deutlich herabsetzen oder zu noch Schlimmeren führen. Das war mir bereits bekannt.

Ich musste zum Schluckröntgen. Man sitzt auf einem Hocker vor dem Gerät und muss  eine Kontrastflüssigkeit schlucken. Das Gerät nimmt ein Bild von Speiseröhre und Magen von vorn und eins von der Seite.

Als ich das Röntgenvideo sah, wurde ich blass: von der dunklen Kontrastflüssigkeit kam nur ein Rinnsal im Magen an. Der Rest staute sich in einem „Reservoir“, das wie eine Kaffeefiltertüte aussah, oberhalb des Magens. Es sah riesig aus. Meine Speiseröhre hat eine Aussackung entwickelt, in der sich alles sammelt, was oben reinkommt. Ein kleiner Teil des Essens und Trinkens gelangt in den Magen, der steht unter Druck und presst es wieder  nach oben. So gelangt auch Magensäure in die Speiseröhre. Die versucht, alles wieder in den Magen zu pressen. Es sah aus wie eine Wasserwaage, die man mal links hebt und rechts senkt und umgekehrt.  Was in der Wasserwaage die Luftblase ist, ist bei meinem Magen der Speisebrei. Einen Zwerchfellbruch stellte man dabei auch noch fest. Ein Teil des Magens sitzt oberhalb des Zwerchfells.

So war es kein Wunder, dass ich im Urlaub eine Dreiviertelstunde zum Essen eines Brötchenviertels brauchte und mich danach wie eine Stopfgans fühlte. Es blieb ja alles quasi im Schlund sitzen!

Und was nun?

„Wir legen einen Magen-Bypass“, meinten die Ärzte.

Nein, bloß das nicht! Diese OP der Adipositaschirurgie ist zum Beispiel nichts für Berufskraftfahrer. Hier hat man größere Einschränkungen. Es kann zum Beispiel zu Dumping-Syndro-men kommen. Weitere Nachteile, auch was das Essen angeht, will ich nicht aufzählen (außer es interessiert sich einer dafür und fragt nach), bis auf einen: der Mageneingang wird ver-schlossen (die Speiseröhre wird mit dem Dünndarm verbun-den). Das heißt, dass keine Magenspiegelung mehr möglich ist. Ein Magenkarzinom würde somit recht spät erkannt.

Die Ärzte sahen meine Panik und setzten eine zweite Magenspiegelung an, die aufge-zeichnet und bei der meine mich damals operierende Ärztin anwesend sein sollte – Termin 18. Mai. Ich sollte zwei Tage vorher zur Voruntersuchung (Aufklärung und Blutabnahme) kurz in die Ambulanz kommen.

Das bedeutete einige Tage Ungewissheit, Bangen, Hoffe – Hoffen auf ein Wunder. Wenige Tage später spielten meine Hände komplett verrückt. Seit Februar hatte ich bemerkt, dass meine Zeige- und Mittelfinger dicker wurden. Wurstfinger hatte ich schon immer als stark Übergewichtige, doch mit der Abnahme wurden sie dünner. Plötzlich schwollen die unteren Fingerglieder an und taten auch mal weh. Ich ignorierte es, auch, als die  mittleren Glieder der vier Finger anschwollen. Als ich dann aber keinen Kaffeebecher mehr halten konnte, weil der Schmerz zu groß war, wurde ich nervös. Über Nacht schwollen die Zeige- und Mittelfinger zu Bockwürsten an, schmerzten höllisch, auch bei leichter Berührung und ließen sich nicht mehr beugen. In der linken Hand konnte ich den Ring- und kleinen Finger nur mit Hilfe der anderen Hand beugen und die Finger schnippten mit einem Ruck von selbst wieder in die Streckung. Ab zum Hausarzt bezie-hungsweise der Vertretungsärztin in seiner Praxis. Sie verschrieb Kortison und mich für eine Woche krank.

Das Kortison half, versaute mir aber die Magenspiegelung. Bei der Aufklärung gab ich alle Medikamente an.  Zack, Kortison setzt die Immunabwehr herab. Bei der Gastroskopie kann es zu Verletzungen kommen und dann käme es zu Problemen, über die ich lieber nicht nachdenken will. Vierzehn Tage muss ich kortisonfrei sein, dann beguckt man sich den Magen von innen, nicht früher.

Mir war zum Heulen. Meine Probleme werden nämlich immer größer. Nicht einmal Kar-toffelbrei kann ich essen. Suppen und Nudeln gehen, heute morgen sogar ein Butterbrot mit Gurke, aber sonst nichts. Entweder kommt es sofort wieder raus oder ich habe stundenlang Sodbrennen und Magenschmerzen, die mich auch mal freiwillig erbrechen lassen.

Aber die Voruntersuchung brachte auch Hoffnung. Anscheinend hatten sich die Ärzte die Bilder vom Schluckröntgen noch einmal angesehen. Sie hatten eine Verengung der Speise-röhre festgestellt. Sie soll während der Gastroskopie mit einer Ballonsonde geweitet werden. Es kann sein, dass es wiederholt werden muss und dass es auch wieder auftritt. Gut, jetzt kenn ich die Symptome und werde dann schneller reagieren. Dann darf ich nur keinen Rheumaschub haben und Kortison nehmen. Die Blutabnahme bei der Vertre-tungssärztin bewies, dass ich Rheuma habe. Auch das noch. Nun ja, es gibt Schlimmeres.

Ich gehe wieder arbeiten, arbeite aber vermehrt von zuhause, weil ich da auch mal im Liegen arbeiten kann. Da ist es oft erträglicher als im Sitzen oder Stehen. Meine Chefin ist im Urlaub. Ich hoffe, dass sie mir das nächste Woche auch noch genehmigt. Sonst bleibt mir nur die Krankschreibung.

Sechsunddvierzig Kilo habe ich seit der OP abgenommen. Die Abnahme läuft gut. Kolle-gen und Freunde haben mich vorsichtig ge-fragt, ob ich meine Entscheidung bereue. Nein, es war richtig, sich für die Magenver-kleinerung zu entscheiden. Auch wenn man mir meine aktuellen Probleme vorausgesagt hätte, hätte meine Hoffnung auf mehr Lebensqualität durch die Abnahme die gleiche Entscheidung bedeutet. Das letzte Jahr hat mir so viel Energie, Lebensfreude und Positives gebracht, dass ich nichts zu bereuen habe. Meine Rückenschmerzen sind weg, die Arthrose muckt seltener und nicht so schlimm. Ich bin beweglicher, schneller und positiver geworden. Das war es wert!

Und sollte mir doch der Magen-Bypass bevorstehen, werde ich damit auch klarkommen, irgendwie. Andere haben das auch geschafft. Doch noch hoffe ich, dass die Ballonsonde die Lösung meiner Probleme ist. Am 1. Juni werde ich mehr wissen. Dann findet die Gastroskopie statt. Und meine Schlauchmagen-OP liegt dann exakt ein Jahr zurück. Es sollte mein zweiter Geburtstag werden.

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Der Aprilurlaub, Teil 2

Anspannung und Entspannung – Spinnen angucken

Nachdem die erste Urlaubswoche kraft- und nervenzehrend der Renovierung zum Opfer fiel, brauchte ich dringend Erholung. Vor allem körperlich fühlte ich mich wie vor der Abnahme. Mit der besten Freundin aller Zeiten hatte ich schon vorher besprochen,  einiges mit ihrer Tochter Ally unternehmen zu wollen.

Ich hatte von der Sonderausstellung „Spinnen und Skorpione – eine Erfolgsgeschichte der Evolution“ im Museum Koenig in Bonn gelesen. Die Viecher sind faszinierend, ich ekle mich vor ihnen und mag sie nicht anfassen. Ich bin ja schon kein Spinnenfreund, aber Ally hat regelrecht eine Phobie entwickelt in den letzten ein, zwei Jahren.

Die Zehnjährige hat als Kleinkind alles angefasst und untersucht, was da kreucht und fleucht. Im Vorschul- und Grundschulalter hatte sie mehrere Botanisiertrommeln und Becherlupen – nacheinander, Ally nutzte sie ziemlich ab. Sie fing Würmer, Insekten und Spinnen ein, fütterte sie und beobachtete sie. Ihre Mutter musste nach ein, zwei Stunden immer kontrollieren, ob noch ein Vieh drin saß, und es freilassen,  sonst wär es wohl ein-gegangen. Ally umsorgte das Tier zwar, aber eben nicht artgerecht. Und plötzlich hatte sie panische Angst vor allem, was kreucht, fleucht, fliegt und dabei summt oder brummt. Sie schlägt dann um sich und rennt mit seltsamen Ausrufen davon – verfolgt vom neugierig oder aggressiv gewordenen Insekt. Ich dachte bislang, dass sie sich dieses Verhalten in ihrer Clique von den Schulfreundinnen „abgeschaut“ hatte. Womöglich findet sich immer ein Schulkamerad, der das oder die Mädchen edelmütig vor dem schrecklichen Ungeheuer rettet und die Spinne wegträgt? Aber nee, die Kinder sind zehn, so denken sie noch nicht …

Als Ally neulich wieder auf der heimischen Terrasse voller Panik schreiend vor einer Hummel davon rannte, die ihr natürlich fröhlich hinterher brummte, und kurz danach zur Salzsäule erstarrt vor einer Kreuzspinne mit Netz stand und die Augen ängstlich aufgerissen hatte, merkte ich, dass es Ally ernst und kein Getue war. Sie hat diesen Ekel und diese Furcht tatsächlich.

„Wir gehen ins Museum Koenig und sehen uns die Spinnenausstellung an!“, verkündete ich und Ally bekam wieder tellergroße Augen.

„Mal ehrlich, Ally, das ist doch albern: Ich ekle mich genau wie du vor den Viechern, ich mag sie nicht anfassen und wenn man mir eine direkt unter die Nase hielte, spränge ich auch schreiend davon. Das ist doch nicht normal. Die sind so klein …“

„Du hast recht“, sprach sie, „das ist wirklich albern. Die sind hinter Glas oder tot?“

„In achtzig Terrarien“, beruhigte ich sie.

Am Dienstag nach Ostern zogen wir los. Das Museum ist generell sehenswert – für Kinder und Erwachsene. Stellenweise ist es nur etwas verstaubt (manch ausgestopftes Tier ist es im wahrsten Sinn des Wortes), aber auch nach dem dritten Besuch habe ich noch einiges gelernt oder neu entdeckt.

Im zweiten Obergeschoss befindet sich die Sonderausstellung. Hier wird man vom Sicher-heitspersonal freundlich auf Verhaltensregeln hingewiesen: langsam und ruhig bewegen, leise sprechen, keine hektischen Bewegungen. Hm, ob zwei Arachnophobiker wie Ally und ich das hinkriegen?

In der Zeitung wurden für den „interessierten Spinnenfreund“ einige Highlights der Ausstellung erläutert. Ich bin das Gegenteil von einem Spinnenfreund, aber das muss man sich auch als Spinnenhasser mal ansehen, weil einem nichts passieren kann. Denn: die Viecher sind faszinierend.

Informationen zur Sonderausstellungen gibt es hier. Der Link zur Ausstellung aus dem Bonner General-Anzeiger vom 22.03.2017 gibt einen guten Einblick. Klickt Euch mal durch die Bildgalerie und schaut Euch Bild 12/22 etwas genauer an, ich werde darauf zurückkommen.

Es gibt einige Spinnenmodelle zu besichtigen, die bei Arachnophobikern wie mir die Gänsehaut wachsen lassen. Die Terrarien waren sehr interessant. Einige Spinnen regten sich nicht, andere waren zeitweilig etwas aktiv, manche streckten nur ein Bein aus ihrer Höhle. Ich habe mich einige Mal geschüttelt. Diese Augen, die Klauen, die behaarten Beine, uah!

Die Modelle und die Spinnen und Skorpione in den Terrarien ließen Ally völlig kalt. Von Angst war nichts zu spüren. Meine Beste mag Spinnen auch nicht sonderlich, ist aber von uns dreien die Heldin in dieser Beziehung. Ihre Faszination für die Tiere wuchs, während meine sich mit Ekel und Gruseln abwechselte und mich mental mächtig durchschüttelte. Ally war so fasziniert wie beim Betrachten von Fischen im Aquarium: Die Tiere banden ihre Aufmerksamkeit, ängstigten sie aber nicht wie ich befürchtet hatte – bis wir ans Ende der Ausstellung kamen.

Auf zwei Tischen mit Kies war jeweils eine tote y-förmige Astgabel montiert, zwischen deren Schenkeln eine Spinne in ihrem Netz thronte. Die Netze bestanden nicht aus dem üblichen strahlenförmigen Gewebe, das man kennt. Es war vielmehr eine hauchdünne Gewebsfläche mit kleinen sporadisch verdickten Fäden, ein richtiges Gespinst. Die Spinnen hockten regungslos in ihren Netzen und waren frei zugänglich. Es gab kein Glas zwischen Spinne und Besucher.

„Die sind doch nicht echt, oder?“ Ally sprach meine Gedanken aus: Die können doch nicht lebende Spinnen ausstellen, die hier rumlaufen können. Ach, ein paar Hausspinnen sind hier bestimmt auch frei unterwegs …

Ich trat näher an eins der Netze, Ally stand neben mir.

Gummispinne? Möglich, dachte ich. Aber wie haben die das mit dem Netz gemacht? Ich entdeckte weiße Sprenkel auf dem Holz des Tisches und auf der Astgabel. So sehen die Ausscheidungen von Spinnen aus, wusste ich. Die fetten Viecher, die meine sonnigen Fenster lieben und in den Ecken ihre Netze spinnen, hinterlassen genau dieses Flecken auf den braunen Fensterbrettern. Genau deshalb habe ich an jedem Fenster Fliegengitter, die Achtbeiner sollen gefälligst draußen bleiben.

Ally schaute fasziniert zwischen Spinne und mir hin und her.

Fragt nicht, was mich ritt, aber ich pustete die Spinne an. Die Spinne flüchtete drei Zenti-meter nach rechts, ich erstarrte, Ally bewegte sich ängstlich mit den Füßen trappelnd und „äh-äh-äh-äh“ stotternd an mir vorbei von der Spinne weg.

Ich eilte Ally hinterher, nahm sie in den Arm und beruhigte sie: „Wenn die giftig oder gefährlich wäre oder beißen würde, wäre sie in einem Terrarium. Die tut dir nichts. Es ist alles gut!“

Ally ließ sich leicht beruhigen und ging mit mir zurück. Zwei Besucher amüsierten sich grinsend, das Sicherheitspersonal hatte nichts von alledem bemerkt. Es war wohl nur der Schreck, der Ally davonlaufen ließ. Meine Beste kam zu uns und Ally erzählte, was gesche-hen war. Wir standen noch lange vor den beiden „Freigängern“. Die, die ich vermeintlich für ein Gummitier hielt und anpustete, ist übrigens auf dem Bild 12/22 zu sehen, das ich oben erwähnt habe.

Fünf Tage nach der Renovierung hatte sich ein Weberknecht zum Sterben in meinem frisch gestrichenen Wohnzimmer niedergelassen. Ich entdeckte das tote Tür beim medita-tiven Betrachten der wolkigen Wohnzimmerdecke in der Zimmerecke. Hey, die Ausstel-lung hat etwas bewirkt: ich entfernte ihn mit der bloßen Hand!

Zu den Folgen des Ausstellungsbesuchs bei Ally ist mir noch nichts bekannt. Wir haben uns zwar schon mehrfach wiedergesehen, aber nur unmittelbar nach der Ausstellung da-rüber gesprochen. Ich weiß nicht, ob sich ihre Phobie verschlimmert hat oder vielleicht verschwunden ist. Ich bleibe dran … wie auch die Fliegengitter an meinen Fenstern.

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Der Aprilurlaub, Teil 1

Es geht schon wieder auf Mitte Mai zu, mein Urlaub ist seit über einer Woche Geschichte und bei mir überschlägt sich schon wieder alles. Mir fliegt gerade mein Leben um die Ohren und Murphys Gesetz tritt auch überall in Kraft. Doch der Reihe nach …

Die Renovierung

Wohnzimmer, Küche, Bad und Flur in meiner Zwei-Zimmer-Wohnung hatten seit etwa drei, vier Jahren einen Neuanstrich nötig. Mit drei Zentnern Lebendgewicht sah ich mich dazu nicht in der Lage und schob es weiter vor mir her. Besuch empfing ich in den letzten zwei Jahren aber höchst ungern und verabredete mich deshalb gern außerhalb.

Mein Abnehmvorhaben bot mir hier auch ei-nen guten Grund: „Lass uns doch was unter-nehmen, spazieren oder so …“

Bewegung ist ja immer gut und auch wenn ich mich als extrem Dicke höchst ungern bewegte, weil sofort der Schweiß floss, wenn ich nur ein paar Schritte ging – im Turbotempo einer Roten Wegschnecke -, spazieren mit Freun-den war mir dann doch lieber, als diese in meinen ehemals weißen vier Wänden zu empfangen.

In der Woche vor dem Urlaub kaufte ich Farbe. Diesmal wollte ich Markenfarbe nehmen, in der Hoffnung, dass ich nicht so schnell wieder streichen müsste und ein Anstrich genügt. „Europas meistgekaufte Innenfarbe“ kam mir in den Sinn, die hatte auch in den Tests bei Experten und Laien gut abgeschnitten. Ich fuhr zum Baumarkt meines Vertrauens und stand vor zwanzig Meter breiten Regalen mit jeweils fünf Böden weißer Innenfarbe, nur vom Marktführer. Und die Unterschiede waren nicht, wie ich zunächst vermutete, nur in der Größe der Farbeimer begründet. Es gab zig Sorten. Ach du Sch***! Was brauch ich denn? Nach einer Stunde verließ ich den Markt mit einer Sorte, die nicht tropft. Eine Flüssigkeit, die nicht tropft, ist ein Unding. Was bewerben die denn da? Das wollte ich genauer wissen und nahm noch ein paar Abdeckfolien mit.

Das Wohnzimmer ist der größte Raum der Wohnung und auch der schwierigste, wenn es ums Streichen geht. Das Zimmer hätte ich nicht ausräumen können, weil mir Platz zum Zwischenlagern der Möbel fehlt und Spinat nicht wirklich Superkräfte verleiht. Meine Wohnlandschaft kann nur von mindestens zwei starken Männern bewegt werden. Die Wohnzimmerschränke sind an der Wand verschraubt und sollten auch da bleiben. Die Wand dahinter leuchtet in einem grandiosen Orange, das ich gern beibehalten wollte – vor allem, weil die Farbe wie am ersten Tag leuchtet, als hätte ich sie erst gestern aufgetragen. Aber die Wohnzimmerdecke und die anderen drei Wände brauchten einen neuen Anstrich. Der Farbton war undefinierbar.

Ergo: Die Wohnlandschaft musste mit alten Decken verhüllt werden, über die dünne Maler-Abdeckfolie getackert wurde, sodass kein Tröpfchen Farbe das Couch-Design verändern konnte. Die Wand mit den Wohnzimmerschränken musste sorgsam verhüllt und abgeklebt werden. Da die Wohnlandschaft im Zimmer blieb, musste der Teppich auch liegen bleiben und auch abgedeckt werden. Mal eben mit der Rolle rasch die Decke streichen funktioniert so nicht. Peu á peu hieß die Methode. Und genau deshalb wollte ich mit diesem Raum beginnen, um das Schlimmste zuerst hinter mich zu bringen.

Am Freitag nach der Arbeit wollte ich mit dem Abkleben beginnen, um am Samstag-morgen frisch ans Werk zu gehen. Es blieb beim Wollen, denn Günthi, mein innerer Schweinehund, tauchte urplötzlich als riesiger Bluthund auf und schüchterte mich und mein starkes inneres Team ein. Die Herren Ehrgeiz und Fleiß und Miss Perfect rannten um ihr Leben und ließen mich erstarrt im Bett zurück, vor dem Günthi die Zähne fletschte, sobald ich mich bewegte.  Ich blieb fast das ganze Wochenende ans Bett bzw. später an die Couch gefesselt und musste das Fernsehprogramm über mich ergehen lassen.

Am Sonntagabend machte ich dann einen Schlachtplan. Ein bis zwei Tage plante ich für das Wohnzimmer ein. Einen weiteren Tag würde ich für die Küche brauchen. Bad und Flur würde ich beide an einem Tag schaffen, da das Bad klein ist und die Wände bis zur Schulterhöhe gefliest sind. Dann meldet sich mein Bauchhirn: Warum strich ich das Wohnzimmer nicht als letztes? Sollte ich wirklich, wie meine beste Freundin behauptete, es nicht schaffen, die Wohnung bis Ostern zu streichen, müsste ich das Wohnzimmer eben später streichen – notfalls in Etappen (es kommen ja noch ein paar Feiertage mit Brückentagen): erst die Decke, dann die Wände.

Ich begann am Montag mit dem kleinen Bad. Als ich mittags endlich mit der Zimmerdecke fertig war, glaubte ich schon, dass meine Freundin recht behalten würde. Alle vier Zimmer würde ich bis Ostern wohl nicht schaffen. Gegen zwei war das Bad fertig, gegen sechs war der Flur gestrichen.

Die Farbe, die nicht tropft, ist super. Natürlich tropft sie, wenn man das will. Wenn man aber nur etwas sorgsam damit umgeht, tropft sie wirklich fast nicht. Die würde ich wieder kaufen – muss ich aber hoffentlich nicht in den nächsten fünf, sechs Jahren, hoff ich.

Am nächsten Tag strich ich die Küche. Danach war ich fix und fertig und konnte mich kaum noch bewegen. Alles tat weh.

Der Mittwoch diente der körperlichen Regeneration auf der Couch. Das gelang nicht vollständig, aber am Gründonnerstag strich ich die Wohnzimmerdecke – mal mit Teleskopverlängerung vom Boden aus, mal auf der Leiter, da war der Kraftaufwand in Armen und Schultern nicht so groß, dafür schmerzten Hintern und Beine. Am Abend lag ich wie ein geprellter Frosch auf meiner Couch und schaute auf eine wolkige weiße Wohnzimmerdecke. Ich war auch nervlich am Ende und fragte mich, ob mir meine Augen einen Streich spielten, die Decke einheitlich weiß war und ich nur Wolken entdeckte, wo keine waren, oder ob ich wirklich so fleckig gestrichen hatte. Ich sah mich in Gedanken schon am Karfreitag auf der Leiter die Decke erneut streichen, denn fürs Streichen mit Teleskopverlängerung am Boden fehlte mir die Kraft. Ich hoffte noch, dass die Wölkchen mit dem Trocknen der Farbe verschwänden.

Am nächsten Morgen war es draußen wolkig – in meinem Wohnzimmer auch. Aber ich fand Gefallen an den Wölkchen. Die beste Freundin aller Zeiten rief an und ließ sich berichten. Als ich von den Wölkchen erzählte, sprach sie: „Mein Mann sagt immer: ‚Das guckt sich noch weg!'“

Ich strich die Wohnzimmerwände und am Karsamstag brachte ich den Malerkram in den Keller und putzte. Kraft und Elan waren wohl auch im Keller untergekommen, das Putzen zog sich. Doch am Abend war ich glücklich und zufrieden. Ich hatte es geschafft und das Streichen mich auch. Vor einem Jahr hätte ich das nicht gepackt. Nach dem Badstreichen hätte ich aufhören und mich eine Woche erholen müssen.

Ich liege oft auf dem Sofa und sehe meine Wolkendecke an. „Es“ guckt sich nicht weg, aber ich mich. Das hat etwas Meditatives. Die beste Freundin aller Zeiten findet die Decke auch faszinierend.

„Das guckt sich noch weg!“ ist eine tolle Aussage, fast wie „Das gehört so!“.

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Kartoffelsuppe mit Würstchen

Eine kräftige Suppe nicht nur für kalte Tage

Dieses  Rezept habe ich von meiner Mutter, die es von meiner Oma (ihrer Schwiegermut-ter) hat. Es ist ein Thüringer Familienrezept, das für mich nach Heimat schmeckt. Ich glaube, kein anderes Gericht gab es bei uns zuhause so oft wie Omas Kartoffelsuppe, weil sie – die Suppe – jeder mochte.

Zutaten für 3 Portionen:

600 g Kartoffeln
1-2 Möhren
1 Stück Knollensellerie, alternativ 2-3 Stangen Bleichsellerie
Selleriegrün, am besten von der Knolle, das ist würziger
100 g geräucherter fetter Speck, alternativ Schinkenspeck oder geräucherter roher Schinken
2 Zwiebeln
1 Liter Wasser
1 EL Majoran
Salz und Pfeffer
3 Bockwürste oder Wiener
eventuell längs geviertelte Gewürzgurken oder rohes Sauerkraut

Zubereitung:

Kartoffeln, Möhren und Sellerie schälen, in grobe Stücke schneiden, in einem Topf mit dem gesalzenem Wasser zum Kochen bringen. Majoran dazu geben. Auf halber bis Drei-viertelhitze etwa 20-25 Minuten garen. Das Selleriegrün (die Blätter und die kleineren Stiele) waschen und in feine Streifen schneiden.

Zwiebeln abziehen und würfeln, Speck würfeln und in einer Pfanne auslassen, die Zwie-belwürfel darin glasig dünsten. Dann vom Feuer nehmen.

Die Gemüsewürfel abgießen, das Kochwasser dabei vollständig auffangen. Die Gemüse-stücke mit der flotten Lotte oder einer anderen Kartoffelpresse passieren – auf keinen Fall mit einem Mixstab pürieren, das gibt Kleister! Dabei immer wieder etwas von der Koch-flüssigkeit zugeben. Die Suppe umrühren, wenn sie zu dick ist, etwas Kochsud angießen. Dann den Speck mit den Zwiebeln hinzufügen sowie das Selleriegrün. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Die Suppe auf ganz kleiner Flamme ziehen lassen, dabei ab und zu umrüh-ren.

Kurz vor dem Passieren der Suppe Bockwürste oder Wiener im heißen Wasser unterhalb des Siedepunktes erhitzen, wenn sie im Ganzen zur Suppe serviert werden sollen. So gab es sie bei uns zuhause. Ich nehme sie heute lieber etwa eine Stunde vor dem Servieren aus dem Kühlschrank, lasse sie Zimmertemperatur annehmen und schneide sie in Scheiben, die ich nach dem Passieren in die heiße Suppe gebe.

Die Suppe in tiefen Tellern anrichten. Die geviertelten Gewürzgurken oder das rohe Sauer-kraut wird in einem separaten Teller in der Tischmitte serviert. Hier kann sich jeder nach Herzenslust bedienen. Etwas kalte Gurke oder rohes Sauerkraut auf einem Löffel heißer Kartoffelsuppe ist einfach köstlich.

Tipp:

Meist gibt es Knollensellerie mit den grünen Trieben nur am Anfang der Saison im Sep-tember. Ich decke mich dann immer ein. Das heißt, ich wasche die Triebe, zupfe Blätter und kurze Stiele ab, schneide sie in feine Streifen und friere sie portionsweise ein. Man kann das Grün auch trocknen. Danach werden die Blätter zwischen den flachen Händen zerrebelt, die kurzen Stiele in feine Streifen geschnitten und bis zum Verbrauch in luft-dichten Gläsern aufbewahrt.

Guten Appetit!

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